biographie
for the english version, please click here
porträt von tomas schmit an seinem zeichentisch in seiner wohnung, bleibtreustraße 3, in berlin 1978 © tomas schmit archiv, photo © dagmar gebers
kindheit und formative jahre im rheinland (1943–1961)
tomas schmit wird am 13. juli 1943 in wipperfürth im bergischen land geboren. er besucht kindergarten und volksschule in thier und gymnasien in wipperfürth und köln. 1955 zieht er mit seiner mutter nach köln, besucht hier konzerte und ausstellungen und lernt die wichtigsten protagonisten der sich damals neuformierenden, internationalen kunstszene des rheinlandes kennen. 1961 begegnet er in köln dem koreanischen künstler und komponisten nam june paik (1932–2006). tomas schmit assistiert paik bei verschiedenen konzerten und ausstellungen und wird zeitlebens mit ihm befreundet bleiben. 1962, auf vermittlung von paik, lernt er den litauisch-amerikanischen künstler george maciunas kennen und beginnt, unter dessen anleitung verschiedene fluxus-publikationen und auch die ersten fluxus-editionen herzustellen. auch mit ihm wird tomas schmit zeitlebens befreundet blieben.
george maciunas (1931–1978) hat in new york an der cooper union school bildende kunst, grafik und architektur studiert und an der new school of social research die kompositionsklasse von richard maxfield besucht. er lebt seit 1961 in ehlhalten bei wiesbaden, wo er als designer für die in deutschland stationierten amerikanischen truppen arbeitet, hat in new york aber bekanntschaften mit la monte young, dem cage-schüler george brecht, al hansen, dick higgins, allan kaprow, jackson mac low und yoko ono gepflegt. 1962 schlägt maciunas vor, in europa eine reihe von fluxus-festivals zu veranstalten. er organisiert als erstes zusammen mit benjamin patterson das konzertprogramm kleines sommerfest: après john cage in der galerie parnass in wuppertal und lädt tomas schmit ein, dort am 9. juni 1962 mit anderen stücke aufzuführen. wenig später kommt es zu einer zweiten zusammenarbeit. dieses mal organisiert maciunas zusammen mit nam june paik das konzertprogramm neo-dada in der musik. es findet am 16. juni 1962 in den düsseldorfer kammerspielen statt. tomas schmit ist erneut als aufführender dabei. auch am programm parallele aufführungen neuester musik, das wolf vostell zusammen mit paik anlässlich der eröffnung seiner ausstellung décollages – verwischungen in der kunsthandlung monet in amsterdam organisiert und am 4./5. oktober 1962 dort stattfindet, nimmt tomas schmit als interpret teil. er lernt dabei den us-amerikanischen künstler emmett williams (1925–2007) und viele mehr kennen.
am 11. november 1962 führt tomas schmit mit anderen stücke von dick higgins bei dessen veranstaltung the broadway opera in den lichtspielen in köln auf. dass tomas schmit zu diesem zeitpunkt bereits eigene stücke schreibt, ist dokumentiert. im herbst 1962 schickt er auf empfehlung von nam june paik einen brief an george maciunas, in dem er einige davon vorstellt. zu diesen frühen werken gehört auch das heute ikonische stück zyklus für wassereimer von 1962. maciunas nimmt es sofort in sein programm für das erste europäische fluxus-festival auf. es findet vom 23. bis 28. november 1962 unter dem titel fluxus. musik og anti-musik. det instrumentale teater in der nikolaikirche in kopenhagen statt. tomas schmit erfährt davon erst, als die aufführungen bereits vorbei sind. zum zweiten fluxus-festival mit programm von maciunas, das vom 3. bis 8. dezember 1962 unter dem titel festum fluxorum. poésie, musique et antimusique evènementielle et concrète im american students & artists center in paris stattfindet, reist tomas schmit nach paris.
robert watts, two inches, 1962, aufgefürt von tomas schmit und emmett williams, staatliche kunstakademie düsseldorf, 2. februar 1963 © tomas schmit archiv, photo © manfred leve
georges maciunas, in memoriam to adriano olivetti, 1962, aufgeführt von tomas schmit, nam june paik, arthur köpcke u.a., staatliche kunstakademie düsseldorf, 1963 © tomas schmit archiv, photo © manfred leve
die europäischen fluxus-festivals (1962–1965)
von da an und bis 1965 nimmt tomas schmit als akteur und mit eigenen stücken an fast allen europäischen fluxus-festivals teil. er beteiligt sich am festum fluxorum fluxus. musik und antimusik, das instrumentale theater am 2. und 3. februar 1963 in der staatlichen kunstakademie düsseldorf, am fluxus festival. theatre compositions, street compositions, exhibits, electronic music am 23. juni 1963 im hypokriterion theater in amsterdam und am 28. juni in den haag, am programm von a little festival of new music am 6. juli 1963 am goldsmiths' college in london, am fluxus festival d’art total vom 25. juli bis 3. august 1963 an verschiedenen orten in nizza, an den 2 internationale concerter for nyeste instrumentalteater og antiart vom 27. bis 30. september 1963 in der nikolaikirche in kopenhagen und am internationaal programma. nieuweste musik, nieuweste teater, nieuweste literatuur am 18. dezember 1963 in der kleinen komödie (de kleine komedie) in amsterdam.
bei den festivals lernt tomas schmit den us-amerikanischen künstler george brecht (1926–2008), den surinamesisch-holländischen künstler stanley brouwn (1935–2017), den deutsch-dänischen künstler arthur köpcke (1928–1977) und viele andere mehr kennen. er trifft dort auch nam june paik und emmett williams wieder. zwischen ihm und diesen fünf entwickeln sich künstlerfreundschaften, die sich in spektakulären briefwechseln niederschlagen. sie geben einblicke in den werkprozess der künstler.
tomas schmit, zyklus für wassereimer (oder flaschen), 1962, aufgeführt von ihm selbst, de kleine komedie, amsterdam, 18. dezember 1963 © tomas schmit archiv, photo © dorine van der klei
parallel zu den fluxus-aktivitäten arbeitet tomas schmit für paik und maciunas als assistent, aufbauhelfer und übersetzer. 1963 zum beispiel assistiert er, zusammen mit dem jazzmusiker und künstlerfreund peter brötzmann, nam june paik bei der einrichtung seiner heute legendären ausstellung exposition of music – electronic television in der galerie parnass in wuppertal. später schreibt tomas schmit auf einladung von nam june paik einen kongenialen essay über diese ausstellung für den katalog zur einzelausstellung von paik im kölnischen kunstverein 1976. schmits essay ist bis heute der einzige text, der paiks exposition of music genau beschreibt und grundlegendes über das künstlerische und philosophische konzept der ausstellung sagt. er ist in allen wichtigeren fluxus-anthologien enthalten und liegt außer in deutsch und englisch auch in koreanisch vor.
tomas schmit nennt nam june paik und george maciunas, aber auch arthur köpcke, später seine „lehrer“, was etwas über den altersunterscheid zwischen ihm und den drei künstlern und seine verbindung zu ihnen aussagt. es sind künstlerfreundschaften, die von gegenseitigem respekt und einem lebendigen austausch über fluxus, konzepte der kunst und ihre institutionen geprägt sind; ähnlich wie die freundschaften, die zwischen 1963 und anfang der 1970er jahre zwischen tomas schmit und den künstlern ludwig gosewitz (1936–2007), dorothy iannone (1933–2022), dieter roth (1930–1998), gerhard rühm (1930) und andrea tippel (1945–2012) entstehen.
tomas schmit beim aufbau von nam june paiks exposition of music – electronic television, galerie parnass, wuppertal 1963 © tomas schmit archiv, photo © manfred montwé
tomas schmit beim aufbau der fernseher für nam june paiks exposition of music – electronic television, galerie parnass, wuppertal 1963 © tomas schmit archiv, photo © manfred montwé
tomas schmit beschäftigt sich frühzeitig und zeitlebens mit fluxus, sowohl künstlerisch als auch in kritischen texten. er ist der autor des essays handel, handlungen, händel, behandlungen von 1963, abgedruckt in wolf vostells magazin décollage im januar 1964 und in der zeitschrift aachener prisma im juli 1964, und des essays es geht um die kunst von 1964, posthum veröffentlicht im buch tomas schmit. werke, texte, dokumente 1962–1970 in köln 2024. er ist der autor des essays wenn ich mich recht erinnere von 1970, geschrieben für den materialienband (hanns sohm) zur ausstellung happening & fluxus (harald szeemann) von 1970, aber nicht dort, sondern erst zwei jahre später und auch nur in gekürzter fassung und auf englisch in der zeitschrift art and artists in london veröffentlicht. die deutsche originalfassung erscheint in der edition how to write im wiens verlag 2013 und im oben erwähnten buch im verlag der buchhandlung walther und franz könig 2024. tomas schmit ist auch der autor des essays über f. von 1982, geschrieben für den katalog der ausstellung 1962 wiesbadenfluxus 1982 (rené block) und dort 1983 abgedruckt. in all diesen texten reflektiert tomas schmit fluxus aus der perspektive eines insiders, wobei sein essay wenn ich mich recht erinnere eine ähnlich komplexe und detaillierte darstellung der entwicklungen in der kunst in den frühen 1960er jahren ist wie sein essay über f[luxus].
robert filliou und tomas schmit bei der eröffnung von robert fillious und daniel spoerris ausstellung wortfallen, galerie rudolf zwirner, köln 1964 © tomas schmit archiv, photo © otfried rautenbach
1964 wechselt tomas schmit in die rolle des festivalorganisators. er entwirft auf einladung von valdis aboliÅš, des damaligen asta-referenten der rwth aachen, das festival der neuen kunst. es soll am 20. juli 1964 im auditorium der technischen hochschule stattfinden. dass dies der tag des zwanzigsten jubiläums des stauffenberg-attentats auf hitler ist, wird zuerst übersehen, dann den eingeladenen künstlern freigestellt, darauf zu reagieren. als es während der geplanten simultanen aufführungen wegen eines unfalls auf der bühne zu tumulten kommt, wird die polizei gerufen und bricht sie ab. das festival der neuen kunst ist heute nicht nur deswegen das meistdiskutierte der fluxus-zeit. auf einladung von tomas schmit kommen in aachen ungewöhnlich viele protagonisten der künstlerischen avantgarde zusammen, darunter eric andersen, joseph beuys, bazon brock, stanley brouwn, henning christiansen, robert filliou, ludwig gosewitz, arthur köpcke, ben vautier, wolf vostell und emmett williams. nam june paik gestaltet das plakat, tomas schmit das programmheft, mit originalbeiträgen von nahzu allen eingeladenen künstlern.
1965 beteiligt sich tomas schmit an weiteren fluxus-aktivitäten. am 28. mai nimmt er an der aktion die fünfte soirée (rené block) im berliner forum-theater teil, am 5. juni an 24 stunden in der galerie parnass in wuppertal. 24 stunden markiert einen umbruch in tomas schmits leben und werk. er schreibt danach an emmett williams, dass es ihn nicht interessiere, wenn künstler als stars betrachtet und bekannte stücke wiederaufgeführt würden, und er in wuppertal daraus die konsequenzen gezogen habe: „for all the 24 hours i did just one action: performed it only, when i was alone in my room. and interrupted it, as soon as somebody came in. so the audience was nothing but recreation for me=fine relation, (and i was nothing but nothing for the audience).” tomas schmits nennt seinen beitrag zu 24 stunden programmatisch aktion ohne publikum.
tomas schmit, aktion ohne publikum (action witout audience), 1965, aufgeführt von ihm selbst bei 24 stunden, galerie parnass, wuppertal 1965. neben ihm, links, maruta schmidt © tomas schmit archiv, photo © dorine van der klei
tomas schmit, aktion ohne publikum (action without audience), 1965, aufgeführt von ihm selbst bei 24 stunden, galerie parnass, wuppertal 1965. v.l.n.r.: unbekannt, tomas schmit, peter kowald, peter brötzmann © tomas schmit archiv, photo © dorine van der klei
west-berlin (1965–1970)
im sommer 1965 zieht tomas schmit nach west-berlin und konzentriert sich dort auf aktionen mit ludwig gosewitz und gerhard rühm, bei denen es im wesentlichen um den zusammenhang zwischen denken und sprache geht. er beginnt zu zeichnen und setzt seine textarbeit fort. zwischen 1966 und 1970 schreibt, gestaltet und verlegt tomas schmit die künstlerbücher von phall zu phall und das uch der b (the ook of b), ersteres 1966 zusammen mit ludwig gosewitz und maruta schmidt, letzteres allein und in deutsch und englisch. er veröffentlicht auch andere werke, wie z.b. die editionen verlegerbesteck (publisher’s set) und tischtheater, ersteres gleich in drei sprachen, in deutsch, englisch und französisch. tomas schmits editionen können im zusammenhang mit den prinzipien von fluxus gesehen werden. wie seine partituren sind es werke, die auf eine aktivierung des betrachters abzielen. sie können als objekt betrachtet oder aufgeführt werden.
porträt von ludwig gosewitz, maruta schmidt und tomas schmit bei der aktion when this you see remember me im tiergarten, berlin im sommer 1966 © tomas schmit archiv
1970 veröffentlicht tomas schmit das buch aus der welt der welt band 1: das gute dünken. es erscheint in einer auflage von 408 exemplaren, 15 davon zu sammlerausgaben „aufgemöbelt“. tomas schmit produziert und verlegt es selbst. das gute dünken handelt im wesentlichen vom verhältnis der aktion zur sprache und enthält neben drei längeren essays über die entstehung von sprache, sprachspiele und verschiedene in sprache gefasste instruktionen. es ist sein zweites hauptwerk.
1969, kurz vor dem erscheinen des buches, hat tomas schmit seine erste soloausstellung. sie findet auf einladung von arthur köpcke in dessen galerie in kopenhagen statt. zwei der größeren exponate dieser ausstellung, wandheisenberg und bodenheisenberg von 1969 und two ways aus demselben jahr, gehen nach der ausstellung verloren. skizzen der arbeiten von tomas schmit und die ausstellungsdokumentation des dänischen photographen gregers nielsen zeigen, dass es zeichnungen waren, diese zeichnungen instruktionen für das publikum enthielten, vergleichbar mit denen einer fluxus-partitur, und sie in der ausstellung auf dem boden lagen oder auch ungerahmt wie plakate an der wand hingen.
1969 entsteht zusammen mit arthur köpcke und robin page auf einladung von kasper könig auch ein beitrag für das von könig kuratierte programm im projektraum 37 90 89 in antwerpen. was entsteht, kommt für den kurator nicht gänzlich unerwartet, aber überrascht ihn doch. anstelle von aufführungen organisieren die drei künstler zusammen ein soziales ready-made. sie kopieren das benachbarte café amadou, in dem sie bereits ein paar tage verbracht haben, in den projektraum und laden das publikum ein, mit ihnen zeit zu verbringen. der name des cafés wird gut sichtbar auf die fensterscheibe gemalt.
1970 nimmt tomas schmit zum letzten mal an einem fluxus-festival teil. es findet auf initiative von rené block unter dem titel festum fluxorum am 14. und 15. november im berliner forum-theater statt. tomas schmit führt zusammen mit eric andersen, marianne filliou, robert filliou, al hansen, valerie herouvis, charlotte moorman, carolee schneeman und emmett williams das stück music while you work von arthur köpcke auf. das stück ist zum ersten mal beim ersten festum fluxorum in wiesbaden 1962 aufgeführt worden, danach beim festum fluxorum in düsseldorf 1963 und weiteren fluxus-festivals.
arthur köpcke, music while you work, 1962, aufgeführt beim festum fluxorum, forum-theater, berlin 1970. v.l.n.r.: tomas schmit, arthur köpcke, emmett williams, marianne filliou, al hansen, carolee schneeman, valerie herouvis © tomas schmit archiv, photo © armin hundertmark
berliner avantgarde (1971 bis 1987)
von 1971 bis 1978 arbeitet tomas schmit überwiegend an zeichnungen, verbunden mit einer reihe von soloausstellungen, u.a. in der galerie rené block in berlin 1971, in der galerie michael werner in köln 1972 und 1977, in der galerie magers in bonn (mit andrea tippel) 1974, im griffelkunstverein in hamburg 1975, in der galerie rudolf springer in berlin, der galerie a in amsterdam und bei multhipla in mailand 1976 sowie im kunstverein in hamburg 1977. im gleichen zeitraum wird er zu wichtigen gruppenausstellungen eingeladen, wie z.b. der documenta 6 in kassel 1977 und der ausstellung bookworks im moma, new york, im selben jahr und zu ausstellung 13°e – eleven artists working in berlin in der whitechapel gallery in london 1978.
parallel dazu veröffentlicht tomas schmit neun editionen in der edition armin hundertmark. jede seiner editionen umfasst zwischen 20/II und 30/II exemplare, jedes exemplar zwischen 10 und 24 originalzeichnungen u. a. materialien, angefangen bei der edition sch/8 1971 und den editionen 2te sch/8l und die quadratur des kreises 1972 über die edition utopia im jahr 1975 und die editionen nvex & ncav & co. und die fünfte schachtel 1978, bis hin zur edition rauschebaum und zeisigkeit 1979, der edition pellkarto/ffel/n, die zwischen 1980 und 1984 entsteht, und der edition über das gewinnen von blumentöpfen 1995. das konzept ist jedesmal ein anderes und der werkprozess für den künstler dadurch jedesmal neu.
1978 erhält tomas schmit vom direktor des kölnischen kunstvereins, wulf herzogenrath, die einladung zu einer soloausstellung. tomas schmit entscheidet sich, eine überblicksausstellung mit dem titel tomas schmit. werke 1962 bis 1978 zu entwickeln. er kuratiert die ausstellung, entwirft das plakat und schreibt auch den katalog. es ist tomas schmits erste institutionelle einzelausstellung in deutschland. sein katalog gleicht einem werkverzeichnis, erweitert um kommentierende texte, abdrucke von stücken u.a. materialien.
porträt von tomas schmit am schreibtisch in seiner wohnung, bleibtreustraße 3, berlin im herbst 1978 © tomas schmit archiv, photo © dagmar gebers
1978/9 erhält tomas schmit auf initiative des damaligen direktors der hochschule für bildende künste in hamburg, carl vogel, einen ruf an die hochschule. tomas schmit unterrichtet zwei gastsemester in hamburg. zu seinen schülern zählen nanne meyer, gundi feyrer, stephan balkenhol, um nur einige wenige zu nennen. um sich den studenten und studentinnen vorzustellen, verteilt tomas schmit zu beginn seiner gastprofessur einen text mit dem titel ein paar ziemlich wahllose, oft unfertige und garnicht immer klare gedanken zu ein paar einschlägigen themen zum zwecke des gutentagsagen. in diesem text stellt er seine gedanken zur kunst in form von thesen vor. 2013 wird das flugblatt von barbara wien im wiens verlag in deutsch und englisch verlegt. barbara wien arbeitet als galeristin und verlegerin ab 1979 eng mit tomas schmit zusammen und bleibt ihm bis zu seinem lebensende als verlegerin, galeristin und partnerin eng verbunden. sie betreut heute seinen nachlass.
1981 wird tomas schmit von kasper könig eingeladen, an der von könig kuratierten ausstellung von hier aus teilzunehmen. sie findet unabhängig von den konventionen des ausstellungsbetriebs 1984 in den düsseldorfer messehallen statt. die ausstellung bringt medienübergreifend siebenundsechzig aktuelle positionen aus ganz deutschland zusammen, angefangen bei joseph beuys, bernhard johannes blume und marcel broodthaers über eva hesse, blinky palermo, a. r. penck, sigmar polke und gerhard richter bis hin zu nam june paik und dieter roth. kaspar könig lässt für jeden künstler eine auf das werk des künstlers zugeschnittene ausstellungsarchitektur in die halle bauen. in einem brief schreibt tomas schmit an den ausstellungsmacher, dass er sich vorstellen könne, an der "super-schau" teilzunehmen, wenn könig ihn nicht dazu zwinge, den „alten opa-kram“ zu zeigen. tomas schmit schlägt könig vor, stattdessen die die die zu zeigen. das werk umfasst sechzehn zeichnungen über die aktuelle kunst, die jeweils ein wort enthalten, wie buchseiten durchnummeriert sind und nacheinander betrachtet den satz ergeben: „die dinge, die aus der kunst verschwinden müssten, sind wohl gerade die, die die kunst ausmachen.“
1985 wird tomas schmit von michael werner zu einer neuen ausstellung in dessen galerie in köln eingeladen und entwickelt dafür innerhalb von zweieinhalb monaten fünfzig zeichnungen. tomas schmit geht dabei zunächst nach einem strengen konzept vor. er will die fünfzig zeichnungen paarweise anfertigen, zeichnet sie nach der hälfte der blätter aber wieder einzeln und auch in dreiergruppen. zur ausstellung erscheint ein katalog mit einen text von ihm: über das zeichnen.
was tomas schmit in diesem text behandelt, drückt sich auch in den ungewöhnlich detallierten skizzen aus, die er kurz vor oder nach der eröffnung von den zeichnungen seiner ausstellung anfertigt. wie in einem notizbuch hält er in diesen skizzen fest, welche farben er für ein blatt verwendet und wo er sie auf dem blatt platziert hat. tomas schmit dokumentiert den werkprozess zu jeder seiner zeichnungen und die gedanken, die dem prozess begleitet haben.
etwa zu derselben zeit wie die ausstellung entwickelt tomas schmit auch seine ersten „selbst-erreiche-texte“. es handelt sich dabei um eine spezielle form der kurzprosa, die sich dadurch auszeichnet, dass sie innerhalb einer festgelegten zeitspanne entsteht. um sie zu produzieren, beginnt tomas schmit zu schreiben, wenn er sich auf dem weg zu einer veranstaltung befindet, und hört zu schreiben auf, wenn diese beginnt. 1995 stellt er seine „selbst-erreiche-texte“ erstmals bei einer lesung vor. 1997 veröffentlicht er weitere im katalog zu seiner ausstellung im portikus in frankfurt am main.
in den 1980er jahren wird tomas schmit gleich mehrfach ausgezeichnet. 1981 erhält er ein arbeitsstipendium der stiftung kunstfonds, 1982 auf vorschlag von dieter roth das stipendium des rembrandt-preises der stadt basel, 1986 den renommierten kurt-schwitters-preis der stadt hannover und 1990 arthur köpckes ærespris in kopenhagen. 1987 kommt auf einladung von rené block, des damaligen direktors der daad-galerie berlin, die zweite große institutionelle einzelausstellung in deutschland zustande.
die ausstellung in der daad-galerie berlin ist aus vielen gründen bemerkenswert. tomas schmit entwickelt für sie zum einen die bedeutende, fünfteilige chamäleon-serie und zum anderen mehrteilige zeichnungen, die sich beide auf biologische diskurse beziehen. die ausstellung thematisiert damit erstmals explizit die frage nach den biologischen grundlagen der wahrnehmung, die ihn schon länger beschäftigt. wie schon für die ausstellung in köln 1978 entwirft tomas schmit für sie nicht allein eine reihe neuer zeichnungen, er gestaltet auch das plakat und schreibt den katalog. es ist tomas schmits erste ausstellung, die als wanderausstellung an zwei orten gezeigt wird. sie geht von berlin ans sprengel museum in hannover.
ein radikales projekt (1988–1999)
1989, zwei jahre nach der ausstellung in berlin und hannover, bringt tomas schmit mit dem werk erster entwurf (einer zentralen ästhetik) ein buch über die biologischen grundlagen der wahrnehmung heraus. er hat dieses buch bereits 1970 angekündigt. es sollte nach dem buch das gute dünken als zweiter band in der reihe aus der welt der der welt erscheinen. 1990 landet ein besprechungsexemplar der redaktion des magazins spektrum der wissenschaft auf dem schreibtisch von valentin von braitenberg, dem damaligen direktor des max-planck instituts für biologische kybernetik in tübingen. braitenberg ist nicht nur neurobiologe, er ist auch musiker und autor. er erkennt die radikalität von tomas schmits buch – es stellt neurowissenschaftliche fragen und erklärt sie frei von herrschenden denktraditionen: mit den mitteln der kunst. in einem essay über tomas schmits werk nennt der schriftsteller stefan ripplinger das buch später ein „radikales projekt“. braitenberg schreibt kurz nach erscheinen des buchs eine rezension, in der er das buch als einführung in die neurowissenschaften empfiehlt. als schmit sich bei ihm per brief für die rezension bedankt, antwortet braitenberg mit großem respekt. es ist der beginn eines freundschaftlichen austauschs über konzepte der neurowissenschaften und der kunst, begleitet von gegenseitigen besuchen.
wie seine anderen bücher veröffentlicht tomas schmit auch das buch erster entwurf (einer zentralen ästhetik) im selbstverlag, aber in einer höheren auflage. um es zu verkaufen, besucht er kunstbuchhandlungen zwischen hamburg und münchen. 1990 lädt walther könig tomas schmit ein, erster entwurf in seiner buchhandlung in der ehrenstraße 4 in köln vorzustellen.
tomas schmit in der buchhandlung von walther könig, ehrenstraße 4, köln im oktober 1990 © tomas schmit archiv, photo: dietmar schneider
1994 hat tomas schmit eine vierte ausstellung in der galerie michael werner, fishing for nets, die in new york und köln gezeigt wird. im katalog der galerie wird tomas schmits text über das zeichnen von 1985 erstmals in englisch abgedruckt. die ausstellung zeigt neue zeichnungen von tomas schmit, die seine erfahrungen und beobachtungen beim schreiben des buchs erster entwurf reflektieren. sie beziehen sich auf biologische diskurse. sie behandeln darwins evolutionstheorie, die entdeckung der dna, wahrnehmungstheorien und andere naturwissenschaftliche themen.
1996 folgt eine ausstellung in der galerie rudolf springer in berlin.
1996/97 erhält tomas schmit den ruf auf eine professur an der hochschule für bildende kunst in braunschweig. er nimmt den ruf für ein semester an. im selben jahr wird er von kasper könig, dem direktor der städelschule und gründer des portikus, und zu einer soloausstellung in frankfurt am main eingeladen. kuratorin der ausstellung ist brigitte kölle. zusammen mit tomas schmit entwickelt sie eine fulminante retrospektive, die tomas schmits editionen in der edition hundertmark ins zentrum rückt und erstmals seine quagga-hefte vorstellt. tomas schmits quagga-hefte sind eine reihe von sechzehnseitigen, handgefertigten und geklammerten heften im kartonumschlag mit jeweils sieben originalzeichnungen, die im wiens verlag erscheinen und von denen es zu diesem zeitpunkt bereits mehr als vierzig gibt. ergänzend werden hauptwerke aus den 1980er jahren gezeigt, darunter schmits chamäleon-serie. wie bei den vorangegangenen einzelausstellungen gestaltet schmit das plakat der ausstellung und den katalog erneut selbst. es ist sein dritter kataloge, gleicht wieder einem werkverzeichnis und ist der erste in der reihe seiner kataloge, in dem ausgewählte werke in farbe abgebildet sind.
tomas schmit mit michael werner bei der eröffnung seiner ausstellung in köln, 1994 © tomas schmit archiv, photo © dietmar schneider
tomas schmit beim aufbau seiner ausstellung im portikus, frankfurt am main 1997. v.l.n.r.: brigitte kölle, tomas schmit, kaspar könig © tomas schmit archiv, film still © helke bayrle, under construction: tomas schmit
berlin-mitte (2000–2006)
die arbeit an einem neuen zwölfteiligen werk mit dem titel können menschen denken? (are humans capable of thought?), die ausstellung dieses werks in der galerie barbara wien im november 2000, sein ankauf durch das museum ludwig unter der leitung von kasper könig und die vorstellung des ankaufs in der ausstellung museum unserer wünsche im museum ludwig 2001 markieren einen weiteren höhepunkt in tomas schmits werk. im herbst 2001 zieht tomas schmit in eine neue wohnung in der linienstraße 158 in berlin-mitte, zum jahreswechsel kauft er sich einen computer. er ersetzt damit die bis dahin für alle seine texte und kataloge verwendete schreibmaschine.
das projekt, das stefan ripplinger ein „radikales“ nennt, ist zu diesem zeitpunkt keineswegs abgeschlossen. tomas schmit setzt die erforschung der grundlagen der wahrnehmung mit den mitteln der kunst fort. ab 2001 experimentiert er dabei aber mit neuen medien. es entstehen neue werke, die tomas schmit „platten“ nennt, ein vierter katalog, ein interviewbuch, experimentelle kurzfilme, eine dvd und zwei cds.
ab 2001 verwendet tomas schmit für seine zeichnungen anstelle von bleistift und farbstiften häufiger schwarze, rote und blaue tusche und chinesische pinsel und ab 2003 museumskarton anstelle von papier. sein ziel ist, die zeichnung von rahmen und glas zu befreien. er möchte, dass sie direkt und ohne lichtreflexe betrachtet werden kann. 2003 erstellt er auf einladung seiner berliner galeristin, barbara wien, für die frieze art fair in london insgesamt dreizehn zeichnungen mit tusche auf museumskarton. sie befinden sich heute in der sammlung von harald und larissa falckenberg in hamburg.
2004 schreibt tomas schmit in vorbereitung auf eine zukünfige überblicksausstellung einen vierten katalog. er schickt eine vorabversion an freunde. 2007 wird diese version mit illustrationen versehen und posthum im wiens verlag und dem verlag der buchhandlung walther könig verlegt.
2004 schreibt tomas schmit außerdem einen vortrag über addi köpcke, und 2005 einen zu george brecht. den vortrag über köpcke hält er zusammen mit emmett williams im fridericianum in kassel, den zu george brecht im rahmen der ausstellung george brecht - events : eine heterospektive / a heterospective im museum ludwig in köln. sein vortrag zu george brecht wird im katalog des museum ludwig abgedruckt. 2024 erscheint er im buch tomas schmit. werke, texte, dokumente 1962–1970 noch einmal in deutsch und in einer autorisierten englischen übersetzung.
parallel zu diesen vorträgen startet tomas schmit ein neues projekt. 2005 liest er in seiner wohnung eine auswahl seiner texte ein und veröffentlicht die aufnahmen auf zwei cds als cd-editionen im wiens verlag. tomas schmit ist dabei wichtig, dass seine aufnahmen unbearbeitet bleiben. die cds der beiden cd-editionen sind 'low-tech-earbooks' mit großer realistik. wie bei einer live-veranstaltung sind beim abspielen alle begleitgeräusche der aufnahmen zu hören, z.b. kinderstimmen und autogeräusche von der linienstrasse, das klacken von schmits feuerzeug beim anzünden einer neuen zigarette, das rascheln des papiers beim umwenden eines blattes.
2004 hat tomas schmit diesem projekt, das als 'schule des hörens‘ betrachtet werden kann, mit dem digitalen werk e-constellations bereits ein projekt vorausgeschickt, das eine art ‚schule des sehens‘ ist. e-constellations ist eine dvd, veröffentlicht als dvd-edition, die digitale zeichnungen vorstellt, von denen jede an ein sternbild erinnert und die wie in einem film, in einem flow, nacheinander abzuspielen sind. jede ‚constellation‘ ist dabei von tomas schmit mit einem deutschen wort kombiniert worden. eine englische übersetzung der wörter, live eingesprochen von tomas schmit, ist auf der tonspur zu hören.
2005 arbeitet tomas schmit noch einmal an einem buch, indem er von juni bis dezember dreizehn gespräche mit der kunsthistorikerin wilma lukatsch führt und diese zusammen mit kai vollmer, einem assistenten, nahezu vollständig transkribiert. tomas schmit ist wichtig, dass die lebendigkeit der gespräche und des sprechens, auch versprecher und widersprüchliche aussagen, im text erhalten bleiben. das buch wird 2008 unter dem titel dreizehn montagsgespräche posthum im wiens verlag verlegt.
am 4. oktober 2006 stirbt tomas schmit in seiner wohnung in berlin-mitte.
literatur zur biographie
tomas schmit, katalog 1–4, verlag der buchhandlung walther und franz könig, köln & wiens verlag, berlin 2021 [nachdruck der kataloge 1–3 von tomas schmit, erweiterte neuausgabe des posthum veröffentlichten katalog 4]
tomas schmit: können menschen denken? / are humans capable of thought?, kat. museum ludwig köln, verlag der buchhandlung walther könig, köln 2007
tomas schmit, dreizehn montagespräche, fragen von wilma lukatsch, wiens verlag, berlin 2008
tomas schmit: sachen m a c h e n. zeichnung, aktion, sprache / m a k i n g things. drawing, action, language 1970–2006, kat. kupferstichkabinett berlin, hatje cantz, berlin 2021
tomas schmit. werke, texte, dokumente / works, texts, documents 1962–1970, bd. 26 in der reihe ausstellungen des n.b.k. berlin, verlag der buchhandlung walther und franz könig, köln 2024